Paradiesbahnhof

paradiesbhf spiegellichter-1

Kennst du die Stadt, in der manchmal
in altvertrauter Weise
Zitronenbäume lieblich blühn
und gleich daneben zart und leise
Zikaden singen, Sterne glühn?

Zigeunerlampen brennen trüb
in buntzerlumpten Zelten
Maulesel traben grau und müd‘
durch Bordsteinpflasterstraßen
und setzen hinkend Huf vor Huf.
Ich lasse keine Schwäche gelten,
Freund! Höre auf des Käuzchens Ruf
und komm‘ mit mir in fremde Welten.

Ich kenne diese schöne Stadt
doch kenne ich auch ihre Gossen
ich war wohl tausendmale dort
in ihren trauten Straßen
und habe manchen Abend da
bei Balalaikaklang genossen.

Doch sah ich auch die Elenden
mit opiumleerem Blick
sie pfuiten auf das Morgenrot
und krochen orientierungslos
durch Hinterhofgerümpel.
Sie bissen jede Ratte tot!

Bedrohlich wars, doch wollt ich fliehn
vor all dem Lastersumpfe
blieb ich wie festgewurzelt stehn
sah wie gebannt auf Neonlicht
das schillernd sich im Schnittgerinn
wie Edelsteinglanz bricht.

Und denk‘ ich jetzt an diese Stadt
seh ich verschwomm’ne Bilder
ganz schnell an mir vorüberwehn
glanzvoll verfallene Alleen
als Zeichen gold’ner Zeiten
doch überzogen sind sie auch
mit einem feinen dünnen Hauch
von Dreck.

Benn Wederwill, 1967

(Foto: lensArt4you, 2014)

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25 Antworten zu Paradiesbahnhof

  1. Emily schreibt:

    Eine schöne Beschreibung. Eine Stadt mit unendlich viel Herz & Leben ❤
    Liebe Grüße, Emily

  2. minibares schreibt:

    Kann man in jeder Stadt finden, Schönes und Häßliches, fast immer nah beieinander.

    • wederwill schreibt:

      Wie recht du hast, fast überall die geputzte Vorder-und oftmals schmutzige Rückseite…

      Ganz liebe Grüße an Dich, ich hoffe, es geht dir einigermaßen… und du kannst dich erfassen lassen von der Vorfreude auf den Frühling.
      Herzlichst,
      Marlis

      • minibares schreibt:

        Na ja, so kleine Unregelmäßigkeiten mit der linken Hand machen mich manchmal verrückt.
        Ansonsten ist alles ok – soweit
        Klar die Sonne mag ich auch.
        Ganz liebe Grüße Bärbel

      • wederwill schreibt:

        Liebe Bärbel, dann wünsche ich, dass es bei den kleinen „Unregelmäßigkeiten“ bleibt. Da warten wir doch einfach auf den Sonnenschein draußen und holen uns inzwischen ein paar Narzissen oder etwas anderes Sonniges ins Haus…
        LG, Marlis

      • minibares schreibt:

        Nein, blühende Blumen am liebsten nicht, dann muss ich meist niesen. Aber anschauen draußen – zu gern.

  3. giselzitrone schreibt:

    Wunderschönes Gedicht so wie Bild wünsche dir einen schönen Dienstag lieber Gruß Gislinde

    • wederwill schreibt:

      Liebe Gislinde, genau eine Woche später wünsche ich dir nun einen schönen Dienstag(abend) und danke ganz herzlich für deinen Kommentar und dein Lob und grüße dich ganz herzlich!
      Marlis

  4. frederick anderson schreibt:

    Yes, this captures the hidden beauty of the City, the color without the pace and rush. It has a lovely, measured tread, this poem. Excellent!

    • wederwill schreibt:

      Thank You! We are very happy about how this „new“ picture fits the „old“ poem.
      By the way, I really enjoy your e-book, it is very fascinating!

      With kind regards
      Eva

  5. Maren Wulf schreibt:

    Das ist schön. Ein Paradiesbahnhof muss keinen Beauty-Wettbewerb gewinnen. Das Leben ordnet die Dinge nah beieinander an. „Sie pfuiten auf das Morgenrot“ – was für ein Satz! Und ganz besonders herzliche Grüße! Soviel Zeit muss sein. 😉

    • wederwill schreibt:

      Liebe Maren, vielen Dank für deinen schönen Kommentar. Ja, das Schöne hat oftmals auch eine Kehrseite und man muss meist gar nicht so weit weggehen, um neben dem Gepflegten das Ungeordnete zu finden. Und manchmal übt das eine ungeahnte Faszination aus.
      Und nun, so viel Zeit ist immer, ganz liebe (gepflegte 🙂 ) Dienstags(fast)abendgrüße zwischen einsetzender Dämmerung und Aufbruch zum Abendbrotvorbereiten…
      Ich wünsche dir noch eine gute restliche Woche,
      Marlis

  6. eleucht schreibt:

    Wie so vieles, hat auch eine Stadt zwei Seiten. Über die Erinnerung legt sich ein schmutziger Schleier, durch den doch noch immer die Schönheit schimmert. Starke Worte, um den Kontrast herzustellen.
    LG, Eberhard

    • wederwill schreibt:

      Lieber Eberhard,
      ganz lieben Dank für deinen guten Kommentar. Ja, alles hat seine „Rückseite“ sozusagen. Und manchmal kann man sich dieser Anziehungskraft der Rückseite gar nicht so richtig entziehen und spürt eine sehr merkwürdige Faszination. Wie schön du von der Schönheit, die durch den Schleier schimmert sprichts – sehr schöne Worte!
      Einen ganz lieben Dienstagsgruß sendet
      Marlis

  7. bruni8wortbehagen schreibt:

    Schönes und Häßliches, oh ja, in einer großen Stadt vereint es sich, Glanz und Elend, schnellweiße Fassaden und eine bräunliche Patina, die die alten Gebäude überzieht, Hinterhöfe, in denen sich das versteckt, was verborgen bleiben möchte und dies hier

    …sie pfuiten auf das Morgenrot
    und krochen orientierungslos
    durch Hinterhofgerümpel…

    Fast möchte ich schreiben, daß es sich wie ein opulentes Sittengemälde liest, aber das stimmt so nicht, es ist mehr.
    *Sie bissen jede Ratte tot!* macht es zu mehr und ein neuer Satz geht mir im Kopf herum:

    Liebenswertes, das dem Verfall trotzt und verzweifelt um´s Überleben kämpft – das ist – so glaube ich jetzt – die Aussage dieses Gedichtes.

    Liebe Grüße von mir lass ich Dir hier, liebe Marlis

    • wederwill schreibt:

      Liebe Bruni, habe so vielen Dank für diesen wunderbaren Kommentar! Das trifft es richtig gut, wie du es beschreibst.
      Wir waren jedenfalls froh, dieses etwas ältere Gedicht zu einem ganz neuen, modernen Foto einstellen zu können.
      Ganz liebe Grüße an dich von
      Marlis

  8. Sylvia Kling schreibt:

    Oh, welch wunderschönes Gedicht voller inbrünstiger Worte, wie ein Gemälde so schön! DANKE!

  9. eckisoap schreibt:

    klasse! und ich kann sie riechen! 🙂
    liebe grüsse von mir

    • wederwill schreibt:

      Vielen Dank und ich grüße ganz herzlich zurück! Kein Wunder, dass bei deiner Seifen-Leidenschaft dein Geruchssinn besonders ausgeprägt ist.
      Ich sende ganz liebe Montagsgrüße und wünsche dir eine gute, schöne und wohlduftende Woche 🙂
      Herzlichst,
      Marlis

  10. Großstädte ähneln sich alle sie sind überzogen mit einer Patina. Wollte ich eine Farbe wählen, wäre es Braun.

    • wederwill schreibt:

      Danke für deinen schönen Kommentar. Ja die „Gebrauchsspuren“ unseres Lebens legen sich über alles. Ich mag auch Braun als warme und weiche Farbe, in allen Nuancen und Schattierungen.
      Ganz liebe Montagsgrüße und eine gute Woche!
      Marlis

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