Die Frau, die einfach (nicht) weiterträumte

Und ehe ich gehe, frage ich sie noch ein letztesmal: „Wie ist das nun mit der Liebe?“ Nach einer Weile, als ich schon denke, sie hat die Frage gar nicht gehört, hebt sie den Blick, schaut in den Himmel und sagt achselzuckend: „Sieh hin, dann weisst du, was mit der Liebe ist!“ Sie wird die Wolke gemeint haben, die weiterzieht, denke ich. Es könnte aber auch die Lerche sein, die frei ist oder das Blau, das unendlich scheint? Ich würde sie gern danach fragen, aber sie ist eingeschlafen. Ich gehe den Feldweg zurück, warm scheint die Abendsonne auf meinen Rücken, ich drehe mich um und sehe die alte Frau mitten im Feld sitzen, auf einem bunten Liegestuhl aus Holz unter einem grünen Sonnenschirm, neben ihr der große rote Strohhut. Ihren hellblauen Campingwagen kann man nicht sehen und so sehe ich nur sie sitzen, mitten im Feld, in einem roten Kleid. Wie ein große Mohnblume. Malen müsste man das, denke ich. Und die Sonne wärmt meinen Rücken. Und vielleicht hat sie auch die Sonne gemeint, dass die Liebe unsere Sonne ist. Oder so ähnlich zumindest. (aus „Die Frau, die einfach weiterträumte“, S. Jachterdahl, 1977)

Kerstin Alexander, „Im Liegestuhl“, Öl auf Leinwand, 2007

(http://www.iks.hs-merseburg.de/~alexande/?page_id=153)

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17 Antworten zu Die Frau, die einfach (nicht) weiterträumte

  1. versspielerin schreibt:

    worte + bild = ganz wunderbar!!

  2. giselzitrone schreibt:

    Wünsche ein gutes und glückliches Wochenende fahren Morgen ein paar Tage zur Ahr liebe Grüße von mir Gislinde

  3. giselzitrone schreibt:

    Danke einen schönen Sonntag schöne Geschichte und Zeichnung wünsche dir auch herbstliche liebe Grüße.Gislinde

    • wederwill schreibt:

      Liebe Gislinde,
      herzlichen Dank und liebe Grüße zurück!
      Auch dir einen schönen Herbstsonntag – ohne Regenwolken und Sturm, lieber noch einmal spätsommerlich schön warm und wehmütig-angenehm ,
      Marlis

  4. bruni8wortbehagen schreibt:

    eine sehr schöne Lesestelle, liebe Marlis. Zum Malen schön ist sie oder auch zum Weiterträumen

    • wederwill schreibt:

      entschuldige, dass ich mich erst jetzt für deinen Kommentar bedanke und antworte, er ist mir „durch die Lappen gegangen“. Ja, wenn man malen könnte… malen kann ich nicht, dafür träumen immer!
      Liebe Grüße an dich und ein schönes Wochenende!
      Marlis

      • bruni8wortbehagen schreibt:

        *lächel*, nix zu entschuldigen. Er war für mich ungewöhnlich kurz, dieser Kommentar und Deine feine Lesestelle hatte eigentlich einen viel ausführlicheren verdient.

        Ich sehe ja nun auch diese Frau im Feld sitzen, im wogenden Ährenfeld, gelb wie die Sonne im Abendlicht und ich sehe sogar den blauen Campingwagen, der sehr altmodisch aussieht und ihr rotes Kleid bauscht sich ein wenig im leichten Wind, der nachsehen wollte, ob es ihr gutgeht. Er kann beruhigt wieder weiterwehen, denn sie sieht
        sehr friedlich aus, wie sie da sitzt, genau wie Du schreibst, wie eine weit geöffnete Mohnblüte – was für ein Bild. Welcher Meister hat wohl ein ähnliches gemalt?

        Herzliche Nachtgrüße von Bruni

      • wederwill schreibt:

        Danke für deine wunderbare Beschreibung, schön ist es, vom Sommer zu lesen, jetzt wo er sich endgültig verabschiedet….
        Und es lag aber durchaus nicht in der Kürze deines Kommentars, ich hatte es einfach versäumt, gleich zu antworten und dann war ich einfach „vergesslich“ – das Alter, liebe Bruni, das Alter 😦
        😉
        Liebe Grüße,
        Marlis

  5. Ulli schreibt:

    einfach nur schön, beides …
    danke und herzliche Grüsse
    Ulli

  6. kormoranflug schreibt:

    Schöne Zeichnung und eine wunderbare Geschichte von der Frau.

  7. SalvaVenia schreibt:

    Ein schönes Bild …

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