Ballade vom roten Kleid (Eva Hoffmann)

Die Sonne scheint warm und rot blüht der Mohn
am Feldrand gut zu sehen
vor dem Gelb der Ähren weht er im Wind
doch fern kommt der Abend schon

Es ist eine Lerche, die hoch oben schwingt
leicht klingt das Gezwitscher der Vögel
blau noch der Himmel, doch dämmrig bald
hört man von weitem wie jemand singt

Eine Stimme sehr dünn, doch lieblich im Klang
singt eine alte Weise
mal hört man sie laut, dann wieder fern
ganz seltsam wird einem, im Herzen fast bang

Sie singt von einer starken Liebe
die sie vor Jahren fand
es war in der Zeit nach dem großen Kriege
als die Menschen einzig das Leid verband

Karg war das Leben, die Not war groß
jeder musste sich selber schützen
die Mütter trugen das schwerste Los
mussten sich und den Kindern nützen

Sie war mit ihren Kindern allein
ihr Mann war im Kriege geblieben
schön war sie – doch ihr Herz war aus Stein
nie wieder, denkt sie, würde sie lieben

Ein kranker Soldat lebte nah in der Stadt
zu verletzt, um nach Hause zu gehen
sie wusste nicht, wie lieb er sie hat
und wenn, wollte sie es nicht verstehen

Er war noch sehr jung, halb so alt wie sie
ein Kind vor dem Kriege gewesen
sie wusste um Liebe, um Lust und um Glück
er hatte davon nur gelesen

Oft kam er zu ihr, er half ihr zu leben
und spielte gern mit den Kindern
nichts hatten sie einander zu geben
des andern Herzleid war nicht zu lindern

Ganz langsam gewann das Leben an Kraft
und man begann, vergang’nes Leid zu vergessen
der Soldat hat es zurück in die Heimat geschafft
beim Abschied hat sie am Feldrand gesessen

Ein einziges Kleid besaß sie, so rot wie der Mohn
für ihn hat sie es niemals getragen
als er ging, erkannte sie ihren Schmerz schon
doch nie würde sie es ihm sagen

Wenn sie später das Kleid trug, hat sie an ihn gedacht
an seine Stimme, sein junges und fremdes Gesicht
vergessen hatte sie, wie man lacht
doch den jungen Soldaten vergisst sie nicht

Die Sonne geht unter, die Stimme verklingt
ein Kleid werde auch ich heute tragen
der Himmel wird rot und der Abend beginnt
und von meinem Schmerz werde ich auch nichts sagen

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25 Antworten zu Ballade vom roten Kleid (Eva Hoffmann)

  1. bruni8wortbehagen schreibt:

    ja, es ist eine Ballade, eine, die noch viele Strophen haben könnte, so viele, wie sie das Leben schreibt und doch ist es auch so schon eine lange und ausführliche berührende Liebe und Leid-Geschichte, die vom Leben singt und es scheinbar niemals zu Ende bringt, denn immer wieder von vorne beginnen ähnliche Geschichten, weil die Menschen die gleichen geblieben sind wie vor vielen Jahren. Da können sie noch so moderne Klamotten tragen, sie lieben und leiden auf die gleiche Art und Weise wie immer… – wie damals

    Dir liebe Grüße von mir und einen wunderschönen Sommer ohne Herzleid
    wünscht Dir Bruni ♥

    • wederwill schreibt:

      Liebe Bruni, vielen Dank für deinen wunderschönen Kommentar, wie recht Du hast! Die Liebe ist und bleibt zu jeder Zeit das, was uns am meisten beschäftigt!
      Auch dir eine schöne Zeit – fahr jetzt gleich los und bin in Eile,
      aber wir bleiben in Verbindung 😉
      Marlis

  2. giselzitrone schreibt:

    Schönes Gedicht wünsche dir einen schönen Abend und eine gute neue Woche.Lieber Gruß von mir Gislinde

    • wederwill schreibt:

      Vielen Dank, liebe Gislinde und auch dir einen schönen (spannenden, wenn du Fußball guckst) Abend, wir sind schon ganz aufgedreht 🙂
      Liebe Gerüße,
      Marlis

  3. saetzebirgit schreibt:

    Ein zeitloses Gedicht, wenn man an die derzeitigen Weltgeschehnisse denkt. Ich dachte bei den ersten Zeilen instinktiv an die „Kornkammer Europas“ (Ukraine)…ohne zu wissen, wie das Gedicht weitergeht…eine sehr, sehr eindrucksvolle Ballade, danke dafür!

    • wederwill schreibt:

      und ich danke Dir! ich finde, Ukraine passt wirklich gut.
      Ganz liebe Grüße an einem wunderschönen entspannten Mittag an Dich, liebe Birgit
      von der anderen Birgit

  4. lilja licht schreibt:

    „Hölle ist zu spät erkannte Wahrheit“ (Herule Poirot, in „Der Tod wartet“ von Agatha Christie)
    Liebe Eva, ich grüße Dich und sende dir liebe Sommergrüße von der polnischen Ostsee!
    Lilja

    • wederwill schreibt:

      Ich danke dir und grüße herzlichst zurück! Und ich freue mich schon auf die deutsche Ostsse in ein paar Tagen…

  5. westendstorie schreibt:

    Wunderschön. Ein Blumenstrauß voll bunter Gefühle schenken eine Zeilen.. Danke dafür 🙂

  6. SalvaVenia schreibt:

    Das sind die wichtigen Geschichten, die unbedingt erzählt und immer weitererzählt werden müssen …

    • wederwill schreibt:

      Dankeschön und ich entschuldige mich für mein spätes Antworten, habe eine arbeitreiche Phase hinter mir und muss erst wieder allmählich „reinkommen“ in den üblichen Alltag…
      Ganz liebe Grüße an dich,
      Marlis

  7. Andrea schreibt:

    DANKE dir für das schöne GEDICHT….hörst du den WINSflüsterer zu dir…….zuflüstern liebe MARLIS????Hab einen guten ABEND HERZlichst ANDREA:))

    • wederwill schreibt:

      Der Wind flüstert und auch das Gras und die Bäume im Moment, ein wunderschöner Mittag, still und friedlich! Wünsche Dir ebenfalls einen schönen Tag und entspannte Stunden auf dem überaus gemütlichen Balkon!
      Liebe Grüße,
      Marlis

  8. S. Meerbothe schreibt:

    Bewegt. Liebe Grüße Silvia

  9. finbarsgift schreibt:

    eine mich sehr beeindruckende Ballade… Dankeschön 🙂

    Liebe Grüße zum schönen WE
    vom Lu

    • wederwill schreibt:

      Ich danke Dir, lieber Lu und grüße von Herzen zurück und wünsche Dir einen schönen Tag bei hoffentlich so schönem milden Sommerwetter wie bei uns…
      Marlis

  10. Chojin Bain schreibt:

    Großartig! Ich bin immer noch bewegt! Wahrlich schön! Ich sollte aufhören, sonst finde ich ja kein Ende im Komplimentieren. Für wahr!
    Liebe Grüße
    Mikail

    • wederwill schreibt:

      Ich danke dir, lieber Mikail, du weisst, wie sehr!
      Ich finde das neues layout wundervoll auf deinem blog, habe bloß leider bis jetzt noch keine Kommentarfunktion gefunden, um es dir an richtiger Stelle zu schreiben. Total gelungen, sehr sehr schön.
      Ganz liebe Grüße,
      Eva

      • Chojin Bain schreibt:

        Vielen lieben dank. 🙂 Da werd ich rot! 😀
        Ja ich hab auch gesehen, dass es schwieriger ist und ich versuche rauszufinden, wie ich das ändern kann. Bisher sind unter den post rechts so ne kleine Sprechblase die man klicken muss, damit die Kommentar-optionen sich öffnet.
        Ganz liebe Grüße zurück!
        Mikail

  11. eleucht schreibt:

    Eine der Geschichten, die das Leben schreibt bzw. schrieb, großartig erzählt.
    Ein schönes Wochenende, Eberhard

    • wederwill schreibt:

      Lieber Eberhard,
      vielen Dank und liebe Grüße zurück. Wir hatten am Wochenende ein ghroßes Familientreffen, da wurde von den Älteren viel über die Nachkriegszeit, über Schweres und auch Schönes, Romantisches und Komisches berichtet. Es ist immer wieder interessant, wie manches doch zu jeder Zeit ähnlich ist, gerade, was Liebe und Sehnsucht anbelangt.
      Ich wünsche Dir ein schönes Wochende,
      Marlis

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