Der Zweifler (Edouard Arden)

Drei Uhr morgens, im Cafè der Dichter. Meine Hände zittern und mein Regenmantel ist zerrissen von dem Gewitter, das gegen die Fensterscheibe peitscht. Seit Tagen irre ich draußen umher, unfähig zu lieben, zu schreiben, zu denken. Nun habe ich endlich wieder den Weg hierher gefunden, ich stehe in der Tür und habe das Gefühl, nicht erwünscht zu sein, denn, ungeachtet der frühen Stunde, ist schon eine Gruppe meiner früheren Weggefährten da, um über Vergangenes zu berichten:

Der junge, stolze Poet, der mir von unserem ersten Treffen im Mohnfeld erzählt. Er strafft seine Schultern, sieht mich herablassend an und ich weiß, was er sagen will:
„Damals hattest du noch die Gabe der Verführung.“ Ehe ich etwas erwidern kann, kommt mir der Zweifler zuvor: „Hat er vielleicht nicht doch Recht?“, gibt er zu bedenken.

Als nächstes tritt der wortgewandte, zynische Dichter vor:
„Als du in meinem Alter warst, hattest du die klarsten Gedanken. Sieh, was aus dir geworden ist!“
Ich senke langsam meinen Blick und denke an die Briefe und Gedichte, die ich dir geschrieben habe. „Ob sie sie überhaupt gelesen hat?“, ich schrecke auf, und merke, dass der Zweifler direkt neben mir steht. Er zuckt mit den Achseln und macht eine entschuldigende Geste.

Im Schein der grünen Lampen und des Zigarettenrauchs erscheint nun eine vierte Person.
Er hatte die ganze Zeit im Schatten an der Wand gelehnt und zugehört, jetzt tritt mit bedachten Schritten der kühne, kompromisslose Künstler vor mich.
„Was willst du denn überhaupt? Dass das Leben auf dich zukommt wie eine warme Sommerbrise?“ Ich schaue zur Seite und warte, was der Zweifler nun erwidern wird. Als nichts passiert und ich meinen Blick wieder hebe, sieht mir der kühne, kompromisslose Künstler direkt in die Augen. Sein Blick ist nicht wehmütig, vielleicht ein wenig herablassend. Er beugt sich vertraulich zu mir vor und raunt mir ins Ohr: „Wenn du anders könntest, hättest du es doch schon längst getan, oder?“ Nachdem er das gesagt hat, zündet er sich genüsslich eine Zigarette an und verlässt das Cafe.

Ich blicke mich in der Runde um, kann den Zweifler jedoch nicht entdecken. Noch ehe ich darüber nachdenken kann, was er wohl nun sagen würde, drehe ich mich um und laufe auf die Straße. Der Regen hat aufgehört und die Luft ist kalt und klar. Ich schaue auf meine Uhr, und bemerke, dass es erst kurz nach Mitternacht ist.

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