Eine romantische Geschichte (Gottlob Schlegelsberg)

Gottlob Schlegelsberg (1796 – 1852)

Wenn ich an meine Jugend denke, so werde ich nie müde, mich zu erinnern, wie es damals beschaulich und heiter zuging in meinem kleinen Heimatstädtchen. Kamen wir später alljährlich am letzten Tag des Jahres zusammen als Freunde und Gefährten aus Kindertagen, so trafen wir uns doch nie, ohne uns ausführlich zu erzählen, wie es uns ergangen war und wie uns das Leben gepeitscht oder beglückt hatte in der Zeit, die wir fern von einander gewesen. Hatten wir alsdann die Neuigkeiten genügend ausgetauscht, alles Wissenswerte erfragt und jeden der Freunde gehörig mit Fragen überhäuft, waren die Antworten dann nicht mehr konkret und kam man ins Philosophieren, dann war meist der Abend fortgeschritten und auch der Wein hatte uns, wie so manchmal, die Zunge gelockert. Rückte der Abend dann noch weiter vor, ja ging es dann sogar in die nächtliche Zeit und war wohl manch` gutes Tröpflein mehr in unsere trockenen Kehlen geraten, die zu befeuchten wir nie müde wurden, dann kamen manche Geschichten ans Tageslicht, über die wir oft herzlich lachen oder weinen mussten.
Auch heute neigt ein Jahr sich seinem Ende entgegen und nun bin ich aufgefordert,
einiges davon wiederzuerzählen, dem geneigten Leser zur Freude. Ist auch meine Erinnerung nicht mehr die beste und hat mein Gedächtnis auch das eine oder andere nicht so behalten, wie es der gute Freund im Alkoholtrane erzählt hat, so will ich doch mein Bestes geben.
Ich will Euch von Walther Theodor Frischmann berichten, so wie ich es damals im Jahre 18** in J. hörte. Es ist eine Geschichte, die, obwohl sie ernsthaft und still beginnt, nicht einer gewissen Heiterkeit und Ironie des Schicksals entbehrt, die wir an Geschichten so lieben und die uns eben jene dann nicht vergessen lassen. Als junger Student verlor Walther Theodor durch dummes Missgeschick das Augenlicht auf einer Seite und lebte nun obendrein mit dem Nachteil, dieses blinde Auge auch nicht mehr willentlich lenken zu können. Wiewohl er sich bemühte, entglitt der Blick ihm stetig und nie war man sich sicher, ob man von ihm angesehen wurde oder nicht. Nun ungünstig war ebenso, dass unser Held besonders angetan war von jungen Mädchen, die sehr wohl ihre Reize offen zur Schau stellten und nicht damit geizten. Um deren Aufmerksamkeit zu gewinnen, hatte er sich ein großspuriges Wesen angeeignet und prahlte, wie kein anderer es ihm gleichtun konnte. Gesegnet hatte ihn die Mutter Natur mit einem unerschütterlichen Selbstbewusstsein und, glaubt mir, nicht nur einmal ist er dadurch nur knapp dem gerechten Zorn eines Vaters entkommen, dessen Tochter er lüstern hinterher gestiegen war. Nun wissen wir, dass eben diese leichtfertigen Mädchen mit den offensichtlichen Reizen nicht die ernsthaftesten sind und sich nicht um die Tiefe des Charakters scheren, sondern mehr auf schöne Äußerlichkeiten achten. Bleibt den Stillen, den Persönlichkeitsstärkeren und Gefestigten die Möglichkeit, sich an einem guten Charakter zu erfreuen, klugen Worten mit Entzücken zu lauschen und feine Gedanken zu erfassen, so achten die Koketten nur auf Schönheit, die wohl offensichtlich ist. Und somit hatte unser junger, nicht allzu tugendhafter und einseitig blinder Freund es schwer bei diesen jungen, etwas oberflächlichen Damen, wie ihr euch nun unschwer vorstellen könnt, denn mit Schönheit war er keineswegs gesegnet. Und nicht nur das, auch sein Wesen war, wie schon angedeutet, unerfreulich. Und zu alledem war er auch noch jeglicher Form von geistiger und körperlicher Arbeit gänzlich abgeneigt. Nun fragt Ihr Euch zu Recht, welchen Mädchen sollte er denn da nun gefallen? Zu allem Übrfluss machte ein übler Geruch aus dem Munde es ihm schwer, Sympathien zu erlangen. Hielt er sich länger schwadronierend in einem Raum auf, so konnte jeder schon beim Betreten des Salons dies deutlich riechen. Folgte man seinem unaufhörlichen Wortfluss, so kam er langsam und stetig immer näher, vielleicht war es seinem blinden lockeren Auge geschuldet, dass es ihm nicht erlaubte, die Entfernung zu seinem Gegenüber richtig abzuschätzen, vielleicht war es einfach aber der Wunsch, einer jungen Dame noch näher zu sein als es der Anstand eigentlich erlaubte – ich weiß es nicht. Sei es, wie es sei, immer war es, als würde sich der schlechte Atem mit den unnützen Worten zu etwas besonders Unschönem mischen.
An einem Tanzabend im frühen April, als alle fröhlich gestimmt waren, weil der Winter nun endgültig Abschied genommen hatte, traf unser junger liederlicher Freund ein auf einer Tanzerei in der Gastwirtschaft „Zur Eichkatz“ am Rande der Stadt. Waren die Anwesenden zu dieser vorgerückten Stunde schon recht heiter und ausgelassen, so stand der Neuankömmling ihnen mitnichten nach und tanzte bereits ausgelassen beim Betreten der Saales allein vor sich hin, zu seinen Tanzschritten klatschend und emsig mit dem Kopfe nickend. Nun da das Vergnügen aber schon in vollem Gange war, gab es kaum noch Mädchen, die sich nicht an eines Partners Hand fröhlich zur Musik drehten. Suchend blickte er in alle Richtungen, um selbst auch ein Mädel zu finden. An einem kleinen Tisch, abseits, saßen noch ein paar, teilweise erhitzt vom flotten Tanze sich ausruhend oder nach dem nächsten Tänzer spähend. Nur eine blickte eher versonnen in die Runde und war noch gar nicht von getanzten Tänzen müde, ja wenn man genauer hinsah, schien es, sie hätte sich noch gar nicht viel bewegt, so schön und unverrutscht saßen ihre Kleider am Leibe. Und wenn man wieder hinsah, bemerkte man, dass auch sie zwei ungleiche Augen besaß, eins in einer schönen blauen Klarheit, so gerade wie jedermanns Augen, eines aber ein wenig starr und unbeweglich in eine Richtung sehend. Der kundige Betrachter merkte bald, dass es kein natürliches Auge war, sondern eines aus des Glasbläsers künstlerischer Hand. Nun, da an diesem Tische die Mädels ohne Tanzpartner saßen, schlenderte unser Galan sich lässig im Rhythmus der Musik wiegend heran und hatte sich wohl schon ein flottes Mädel ausgewählt, großbusig mit tief ausgeschnittenem Mieder. Und wie er mit einer angedeuteten Verbeugung um den nächsten Tanz bitten möchte, sieht sein Auge in die eine, das andere aber in die andere Richtung, so dass die Gemeinte sich gar nicht angesprochen fühlt oder vielleicht auch geflissentlich den Werbenden übersieht, da er wohl kaum nach ihrem Geschmack war. Unser beschriebenes, noch unverschwitztes Fräulein aber, springt auf und gibt ihm freudig die Hand, denn die Blicke ihrer beider sehenden Augen hatten sich letztendlich doch getroffen! Verdutzt aber geistesgegenwärtig ergreift unser Held die ihm entgegengestreckte Hand und gemeinsam mischen sie sich unter die eifrig Tanzenden.
Was soll ich länger schwafeln! Aus einem Tanz wurden viele, auf diesen Abend folgte erst ein weiterer, dann viele. Denn Walther Theodor ergriff zuerst die Hand des Mädchens und dann die Gelegenheit. Und dann greift begütigend und wohlwollend das Schicksal ein und schickt echte Liebe in die Herzen der beiden. Langsam erst, aber unaufhaltsam nimmt sie Besitz von seinem Herzen und ändert es und somit auch ihn. Und sie? Sie hatte ihm gleich ihre Hand und wohl auch ihr Herz gegeben. Für sie war er der Mann, der schnurstracks auf sie zugekommen war und unter allen Damen im Saal sie aufgefordert hat zum Tanze. Dafür hat sie ihm sofort ihr Herz geschenkt. Und nach und nach ist er auch der geworden, den sie in ihm gesehen hat in dieser Nacht im April, als sie als einzige dasaß und noch nicht getanzt hatte, schon glaubte, als Mauerblümchen diesen Abend verbringen zu müssen. Sie hat vom ersten Augenblick in ihm ihren Beschützer, ja fast ihren Helden, gesehen und ihn beharrlich so behandelt. Und durch das Wunder der Liebe ist er auch zu diesem Helden geworden. Sind die Liebschaften ihrer Freundinnen nicht selten schnell und oft und meist nicht ohne Tränen und Enttäuschung wieder auseinander gegangen, so hält die Liebe unserer beiden Zufallstänzer schon seit vielen vielen Jahren. Auch ein Kind hat ihren Bund gesegnet, nach langem Warten und Mühen und Sehnen schenkte ihnen der Himmel endlich eins. Und denkt nur nicht, dass der eine oder andere Verwandte oder Freund nicht ohne Zaudern in die Kinderkutsche sah als das Töchterlein geboren war. Und welch eine wonnige Überraschung war es, das Kind strahlte mit den schönsten und klarsten, gleichmäßigen Augen den Betrachter an, die dieser je gesehen zu haben glaubte!
Glücklich sind sie miteinander, denn Theodor möchte das sein, was seine Gemahlin in ihm von Anfang an gesehen hat. Und so hat die Liebe einer Frau durch einen Zufall nur und doch auf Dauer aus ihm das Beste hervorgeholt, was in ihm gesteckt hat. Und nun sagt mir, liebe Freunde, ist das nicht eine romantische Geschichte und kann man nicht mit so einem schönen Gedanken getrost in das neue Jahr gehen? Möge jeden Leser das Glück und die Liebe treffen auf seinem Weg durch die Tage des nächsten Jahres!

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4 Antworten zu Eine romantische Geschichte (Gottlob Schlegelsberg)

  1. Charly Schwarzer schreibt:

    Wirklich eine sehr schöne, berührende Geschichte!
    Ich wünsche Dir einen guten Rutsch und ein wunderbares Jahr 2014 😀

  2. Andrea schreibt:

    sehr schön…….guten RUTSCH…….

  3. Ariana schreibt:

    Danke für diese schöne Geschichte, in der so viel mehr als ’nur‘ Romantik steckt und des Lesers Herz erfreuen lässt.
    Was wäre das Leben ohne Liebe und was wäre die Liebe ohne sich in all ihren Facetten auszudrücken und lebendig zu sein.

    So wünsche ich ebenso ein gutes neues Jahr, indem die Liebe mehr und mehr in aller Herzen erblüht.
    Herzliche Grüße Ariana

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