Ankunft, drei Möglichkeiten

Ich sitze vor dem Bahnhof und warte schon lange. Viele Züge sind bisher eingefahren, haben gehalten und sind wieder abgefahren, der Richtige war noch nicht dabei. Zielstrebig sind die Menschen gekommen, viele fröhlich, reiselustig oder mit einem Lächeln im Gesicht in Vorfreude auf diejenigen, die sie abholen möchten, manche auch mürrisch und müde, ohne Lust auf die Arbeit, zu der die Bahn sie bringen wird. Ich bin unentschlossen, zu lange warte ich schon auf jemanden. Viele Züge sind angekommen, aber er ist bis jetzt noch nicht ausgestiegen. Nun wird es schon Abend und in ein paar Minuten kommt der letzte Zug. Wenn er jetzt nicht dabei ist, wird er nicht mehr kommen. Ich weiß gar nicht vor lauter langem Warten, ob ich mich darauf freue, ihn wiederzusehen. Aber ich fürchte mich davor, dass er nicht aussteigt aus der Eisenbahn, dass mein Warten nutzlos war. Verlorene, verwartete Zeit. Ich sehe auf die Uhr und ich stehe auf und gehe auf den Bahnsteig. Ich empfinde keine Vorfreude und keine Angst mehr. Mir fällt ein, dass ich auf dem Rückweg nicht vergessen darf, den Brief in den Briefkasten zu werfen und für die Nachbarin die Tabletten aus der Apotheke mitzubringen.

Ich sitze hier in dem engen, verrauchten Bahnhofscafè, wie lange schon weiß ich nicht und eigentlich auch nicht mehr so richtig warum. Erst als der alte Mann am Tisch mir gegenüber mich über den Rand seines halbleeren Weinglases anguckt und danach fragt, beginne ich, wieder darüber nachzudenken. „Auf wen wartest Du denn so geduldig“ sagte er leise und ich konnte ihm keine Antwort geben. Aber mit einem Mal wird mir langweilig und ich beginne, mich zu ärgern über die lange Zeit, die ich nun schon verwartet habe und ich sehe auf die Uhr, gleich wird der Zug auf dem Bahnsteig einfahren. Wenn ich sofort losgehe, schaffe ich es noch, rechtzeitig auf den Bahnsteig zu kommen und mich unter die Wartenden zu mischen. Ich zünde mir langsam eine Zigarette an, trinke den letzten Schluck Kaffee aus und winke der müden Kellnerin. Von dem alten Mann verabschiede ich mich mit einem Kopfnicken und er hebt kurz die Hand zu einem angedeuteten Gruß. Erst als ich auf die Straße trete, merke ich, dass es schon dunkel geworden ist. Ohne zu überlegen gehe ich langsam unter den Straßenlaternen die breite Allee hinunter, immer weiter weg vom Bahnhof in Richtung Stadt, deren Lichter ich bereits sehen kann. Von Weitem höre ich, wie der Zug auf dem Bahnsteig einfährt. Ich drehe mich um und renne zurück, mein schwerer offener Mantel weht wie ein Segel im Wind und meine Tasche schlägt mir an die Beine. Als ich auf dem Bahnsteig ankomme, sehe ich noch die Rüklichter des Zuges in der Ferne im Nebel verschwinden. Der Bahnsteig ist menschenleer.

Ich bin aufgestanden und gegangen. Lang habe ich auf dem Bahnsteig gesessen und gewartet. Aber ich habe immer mehr gefroren und das Sitzen wurde immer unbequemer. Trotzdem bin ich lange geblieben, so lange, dass ich zum Schluss gar nicht mehr richtig wusste, worauf ich warte. Zum Glück ist mir eingefallen, wieder darüber nachzudenken. Und mit einem Mal wurde mir langweilig und ich habe mich geärgert über die lange Zeit, die ich schon verwartet habe. Als ich auf die Uhr sehe, kann ich mir ausrechnen, dass der Zug gleich auf dem Bahnsteig einfahren wird. Ohne zu überlegen, stehe ich einfach auf und gehe. Jetzt werde ich nie wissen, ob der, auf den ich gewartet habe, im Zug war und sich über meinen Anblick gefreut hätte. Ein bisschen bin ich darüber traurig, aber gleichzeitig habe ich das Gefühl, ein bisschen lachen zu müssen. Ich drehe mich um, ob jemand hinter mir läuft und als ich sehe, dass ich ganz allein bin, mache ich einen kleinen Hüpfer, ein bisschen verschämt, aber fröhlich! In Erwartung von Freiheit. Ich mache mich auf den Weg nach Hause. Ganz kurz vor meiner Haustür beginne ich fast zu tänzeln, mein Herz ist so fröhlich und nun stört es mich nicht, dass die Passanten ein wenig erstaunt gucken, als ich summend die Haustür öffne!

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5 Antworten zu Ankunft, drei Möglichkeiten

  1. mickzwo schreibt:

    Am meissten beeinduckt wie aus jemandem der wartet ein fröhlicher Mensch wird. Manchmal muss man gehen… und ein ander Mal bleibt man. Man muss sich immer entscheiden.

  2. wederwill schreibt:

    Liebe Swantje, Danke für den netten Kommentar und wir sind sehr gespannt auf Ihren blog,
    Beste Grüße, Birgit Marienthal, Wederwill-Team

  3. Swantje G schreibt:

    Reblogged this on swantjegrosslinger and commented:
    Guten morgen meine Freunde,

    Ein schönest Werk am morgen!

    Ihr Oskar de la Lupa

  4. wildgans schreibt:

    In Erwartung von Freiheit………….wichtig nach dieser Murmeltiergeschichte (wie hieß der Film, wo immer wieder alles von vorne beginnt?)

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