Alltägliches Märchen, für zwischendurch (Simon Jachterdahl, 1990)

Es waren einmal zwei Nachbarn, die waren nicht mehr jung aber auch noch nicht alt. Dem einen war seine Frau gestorben, noch ehe sie ihm Kinder hätte gebären können, was ihn sehr bekümmerte, dem anderen war seine Frau mit einem anderen Mann davongelaufen, noch ehe er sich an ihre Umsorgung zu Hause hätte gewöhnen können. Und so vermisste er sie auch nie. Beide hatten sich nie wieder nach einer neuen Frau umgesehen, zu gleichmäßig verlief ihr Leben ohne die Frauen und zu schnell verging die Zeit. Sie lebten beide im Erdgeschoss in einem großen Haus mit vielen Wohnungen und vielen Mietern, ihre Eingangstüren lagen sich gegenüber und sie sahen viele Leute kommen und gehen, hörten Kinder lärmen, alte Frauen stöhnen, wenn sie ihre Taschen schleppten und sie sahen immer, wenn der andere gegenüber zu Hause war, weil dann seine Straßenschuhe vor der Tür standen. Der eine Nachbar ging täglich zur Arbeit, der andere war immer daheim, weil er seine Arbeit verloren hatte und keine neue mehr fand. Abends aßen sie zusammen Brote und tranken ein Glas Bier, das der Arbeitslose aus einem Geschäft gegenüber geholt hatte.
Eines Tages kam die ältere Schwester des arbeitslosen Nachbarn und beklagte sich, dass sie für ihre alte Mutter ganz allein sorgen müsse, obwohl sie sich auch noch um ihre Familie und vor allem ihre kleinen Kinder kümmern muss. Da der Mann nichts antwortete und nur wortlos zuhörte, wurde die Schwester zornig und brachte die alte Mutter einfach zu ihm in seine kleine Wohnung. „Nun, dann werde ich wohl für meine Mutter sorgen“, dachte der Mann. „Sie hat für mich gesorgt, als ich klein war, nun werde ich das für sie tun.“ Lange hatte er seine Mutter nicht gesehen und er war überrascht, wie klein und ruhig sie geworden war. War sie doch früher eine mürrische dicke Frau gewesen, der man es nie recht machen konnte, so saß sie jetzt still in der Küche und freute sich über ihren Sohn, der nun nicht mehr mit dem Nachbarn abends Bier trank, sondern seiner Mutter kleine Brothäppchen schnitt. Er war froh, dass sie sich nicht beklagte und ihm sein erfolgloses Leben vorwarf. Eines nachts träumte die Mutter von ihrem zweiten Mann, dem Stiefvater ihres Sohnes, mit dem sie im Streit auseinandergegangen war. Es hatte viele Zank gegeben, die Mutter hatte viele Jahre unter dem Mann gelitten und keiner hatte dem anderen vergeben können. „Schade, dass so viele böse Worte gefallen sind, Sohn. Ich wünschte ich könnte ihm sagen, dass es mir leid tut, dass wir uns so schreckliche Dinge sagen mussten“. Der Sohn stand hilflos daneben. Tatsächlich waren viele böse Worte im Zorn gefallen, damals, als er ein junger Mann gewesen war und gerade in die Welt gehen wollte, um einen Beruf zu lernen. Aber der Stiefvater war ein böser Mensch gewesen und der Sohn hatte eigentlich kein Mitleid mit ihm. „Geh und suche ihn und sage ihm, dass ich von ihm geträumt hab.“ sprach die Mutter. Widerstrebend machte der Sohn sich auf und suchte den Stiefvater in allen Altersheimen der Stadt, aber er fand ihn nicht. Wochen vergingen und das Geld wurde knapp, denn die Schwester behielt die Rente der Mutter für sich und der Sohn musste nun sich selbst und die alte Mutter ernähren. Wieder träumte die Mutter, diesmal von ihrem ersten Mann, dem Vater der Kinder. „Sohn, ich habe geträumt von früheren Zeiten, von deinem Vater, der im Krieg gefallen ist. Geh und suche sein Grab, denn ich weiß nicht, wo es sich befindet.“ Ungern ließ der Sohn die Mutter allein, aber er machte sich wieder auf, in allen Ämtern der Stadt nach seinem verstorbenen Vater zu fragen. Aber wieder war seine Suche vergebens. Als er nach Hause kam, war seine Mutter sehr traurig. Und still aßen beide ihre Brote und der Mann dachte daran, wie es wohl gewesen wäre, wenn er das Grab des Vaters gefunden hätte. In der Nacht darauf träumte die Mutter wieder, diesmal von der Stadt, in der sie gelebt hatten, als die Kinder klein waren. Und wieder bat sie den Sohn zu gehen, in diese Stadt um ihr eine Blume aus dem Garten zu holen, der hinter dem Haus gewesen war, in dem sie früher zusammen gelebt hatten. Der Sohn fuhr in die andere Stadt, suchte das Haus, aber den Garten hinter dem Haus gab es nicht mehr. Es gab dort nur einen öden Platz auf dem ein paar Autos parkten. Mit leeren Händen fuhr der Sohn zurück und bekümmert berichtete er der Mutter von seiner erfolglosen Suche. An diesem Abend hatte die Mutter Besuch von einer alten Freundin. Der Sohn kannte sie noch aus seiner Kindheit und ihre Freundlichkeit hatte ihm schon manches Mal geholfen. „Du hast deiner Mutter Wünsche erfüllen wollen. Geh noch einmal los und suche weiter, in dem Garten bei eurem alten Haus wirst du einen Schatz finden!“, sprach die Freundin der Mutter. Der Sohn hatte keine Lust mehr, aber er wollte die alte Frau nicht enttäuschen und machte sich erneut auf den Weg. Er fand den Garten wieder nicht, wie er ihn von früher in Erinnerung hatte. Es war Winter geworden und alles war kahl und es war sehr kalt. Aber weil er müde war, wollte er nicht sofort zum Bahnhof zurückgehen, sondern setzte er sich auf einen Stein und ruhte sich aus. Da kam aus dem Haus eine fremde Frau, sie war in seinem Alter und sie wollte gerade den Müll wegbringen. Freundlich fragte sie ihn, warum er hier wartet und als sie seine Geschichte gehört hatte, bat sie ihn in ihre kleine Neubauwohnung, damit er sich aufwärmen könne. Sie trug nur eine einfache Kittelschürze und darunter konnte er ihre kräftigen und doch weichen Arme erkennen. Sie war nicht groß und auch nicht gerade klein. „Genau richtig“ dachte der Mann als er sie sah. Mit liebevollen Augen sah sie den Mann an und augenblicklich verliebte er sich in diese rundliche, schöne Frau. Ihr ging es genauso und gemeinsam saßen sie bis zur Morgendämmerung in der kleinen Küche und erzählten sich ihr Leben. Als die Sonne aufging, fragte er sie, ob sie mit ihm mitkommen wolle. Und ohne zu überlegen, machten sich beide auf, ihr Leben von nun an gemeinsam zu verbringen. Als sie zusammen ankamen, feierten sie ein schönes Fest mit der alten Mutter und luden auch den Nachbarn von gegenüber ein. Sie lebten glücklich und in Eintracht mit allen anderen, weil sie sich beide so gern hatten und das Geld reichte für sie und ein schönes einfaches Leben. Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch immer glücklich und zufrieden in dem großen Mietshaus und essen Bratkartoffeln…………….

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