Inès, 1974

Meine Zigarette ist angezündet, mein Freund. Hast du mich vergessen, oder denkst du manchmal noch an mich. Wir haben oft zusammen geraucht, hier in diesem kleinen dunklen Café, das nur wir beide so richtig schön fanden, weil uns hier die besten Gedanken kamen und weil unsere Freundschaft hier begann.
Jetzt sitze ich allein hier, mein Freund mit einer Zigarette und erinnere mich, wie du mir gesagt hast, dass du mit Inès weggehen wirst, in ein anderes Land, wo ich noch nie gewesen bin, aber ihr kanntet es beide schon, dass ihr dort zusammen leben werdet und dass ihr euch schon lange dafür entschieden habt, aber nur nicht den Mut hattet, es mir zu sagen.
Inès kam zurück, nach einer Zeit, die mir wie eine Ewigkeit erschienen ist, die aber zu kurz war, um euch zu vergessen oder um zu vergessen, was zwischen uns war, mein Freund. Ich nehme eine neue Zigarette, ich rauche allein und trinke meinen Kaffee allein, obwohl Inès wieder da ist, bin ich allein. Denn sie ist nicht mehr meine Frau.
Jetzt ist sie weder deine noch meine Frau. Als sie mit dir weggegangen ist, mein Freund, war sie nur traurig wegen mir und der Zeit, die sie bei mir zurückgelassen hat. Aber sie war voller Hoffnung. Jetzt ist sie eine andere und ist traurig über das, was sie verloren hat und traurig über das, was sie nie bekommen wird. Ich sehe dem Rauch der Zigarette nach und ich kenne nichts mehr an ihr und weiß, dass ich auch nie etwas von ihr verstanden habe.
Warum hast du sie mitgenommen, mein Freund? Du wusstest doch, wie viel sie mir bedeutet hat. Und du wusstest doch auch, dass du immer auf der Suche sein wirst, auf der Suche nach Liebe, die du gar nicht finden wolltest. Wir haben so oft darüber geredet, wie verschieden wir sind und gelacht darüber, dass jeder den anderen dennoch versteht. Fast verbrenne ich mich an der glühenden Asche. Ich werde nie wieder einen Freund haben, dem ich so vertraue, wie Dir.
Und dir vertraue ich immer noch. Wenn du zurückkommst, mein Freund, will ich dir alles erzählen und will dir verzeihen, dass du mich zurückgelassen hast in der Einsamkeit, die umso schlimmer schien, weil es vorher so vertraut und sicher war. Jetzt ist es draußen schon dunkel geworden. Inès hat mir einen Kuss auf die Stirn gegeben und ist fortgegangen, aber sie interessiert mich nicht mehr. Der Kaffee vor mir ist kalt und der Rauch der vielen Zigaretten macht die Luft blau.
Ich warte auf dich, mein Freund, hier in unserem alten Café. Die Leute wundern sich, weil ich hier jeden Tag sitze und aus dem Fenster sehe. Das große Telefon steht immer vor mir auf dem Tisch und der Aschenbecher ist voll. Ob du meine Nummer noch hast? Eines Tages wirst du einfach vorbeikommen, Inès wird dann einem anderen gehören. Hast du manchmal eigentlich noch an sie gedacht?
Wenn sie nach draußen gesehen hat, in den Regen, hab ich immer gewusst, auch sie wartet darauf, dass du durch die Tür kommst und sie auf die Stirn küsst. Jetzt wartet sie nicht mehr.
Ich hab gehört, du bist wieder in der Stadt. Ich zünde mir eine Zigarette an und stehe auf und gehe nach draußen in den Regen. Wenn du jetzt kommst, wirst du mich nicht mehr hier finden. Auch nicht in der Stadt, nicht in den dunklen Straßen, nicht im Theater und nicht im Kino. Jetzt bist du wieder in der Stadt, mein Freund, jetzt, wo ich gehe. Und ich werfe meine brennende Zigarette in den Rinnstein.

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2 Antworten zu Inès, 1974

  1. Henry Roseb schreibt:

    Intention or by chance. The story strongly reminds me of L.Cohen’s wonderful song“Famous Blue Raincoat“.Here:And when she came back she was nobody’s wife. dort:Obwohl I. wieder da ist,bin ich allein.Jetzt ist sie weder deine noch meine Frau.Here: And what can I possibly say? I guess that I Miss you,I guess I forgive you.I’m glad you stood in my way. Dort: Wenn du zurückkommst mein Freund,will ich dir verzeihen ,dass du mich zurückgelassen hast in der Einsamkeit. Wunderbare Parallelen!!

  2. ausgesucht schreibt:

    … und was willst Du jetzt machen gegen die von Dir heraufbeschworenen Tränen, die hemmungslos rinnen?

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