Märchen nach einem Lied

Ein Märchen und ein Lied, Eva Hoffmann (2011)

Endlich sind wir angekommen in unserem Zimmer. Ein bisschen traurig bin ich darüber, dass der Nussbaum so kahl geworden ist, aber dafür können wir besser auf die Straße blicken, die jetzt menschenleer ist. Ob ich auch auf dem Dorf wohnen könne, fragst du mich und ich schaue dich verständnislos an. Als ob du das nicht wüsstest! Der Wein hat mich fröhlich gemacht, nein, es ist doch eigentlich deine Nähe, die mich fröhlich macht. Und wir spüren, dass wir uns vermisst haben. „Du warst lange weg“, sage ich. Ich hatte gehört, dass es dir gut geht, ausgesprochen gut sogar, und ich war ärgerlich auf mich selbst, dass ich mir solche Gedanken um dich gemacht habe. Ich war traurig, weil ich dachte, dass du mich nur brauchst, wenn es dir schlecht geht, als Aufmunterung sozusagen. „Mir ging es aber nicht gut.“, sagst du, „gar nicht gut sogar, du darfst nicht immer glauben, was die anderen sagen. Aber jetzt bin ich ja da und du musst dir keine Gedanken mehr machen!“ Ja. es ist alles gut. Ich friere nicht mehr, jetzt, wo ich in deinem Arm liege und deine Hände in meinem Nacken spüre. Ich erzähle dir, dass ich ein Märchen für dich geschrieben habe, in der Zeit als du weg warst, aber dann zum Schluss keine Lust mehr hatte. Es gefällt mir nicht mehr. Aber du möchtest es trotzdem hören und ich erzähle es dir. Es gehört zu einem Lied. Und es geht so:

„Ein Mann fährt mit dem Zug, die Reise dauert ihm zu lang, alle Geschenke sind eingepackt, er schweigt und ihm ist bang. Er sieht im Fensterglas an dem die Welt vorüberzieht als Spiegelbild nur seinen Kopf und fragt sich, was er sieht.“

Es war einmal ein Mann, zu seinem Bedauern hatte er die Lust an den meisten Dingen im Leben verloren. Ihm kam es vor, als hätte er schon alles erlebt. Also packte er ein, das, was er gerade so brauchte, es war nicht viel; nahm seinen Ausweis und verlies sein Zuhause. Er stieg in einen Zug und fuhr los. Draußen war es dunkel und als er aus dem Fenster sah, sah er nur sein eigenes Gesicht, das sich in der dunklen Scheibe spiegelte. Das Gesicht war ihm fremd.

„woher kommt dieser Kopf, der auftaucht dicht vor mir, er sieht mich an und grinst: ich gehörte einmal dir“

Nach einer Weile kam der Schaffner und verlangte die Fahrkarte. Der reisende Mann aber hatte keine.“Gib mir deinen Kopf“, forderte der Schaffner von ihm. „Was soll ich denn ohne Kopf tun?“ fragte der Mann zurück. „Du bekommst einen anderen Kopf dafür“, antwortete der Schaffner. Es war aber der Teufel, der als Schaffner zu dem Mann gekommen war. „Ich gebe dir einen anderen, besseren Kopf und du kannst immer auf Reisen sein, so lange du lebst.“ Der Mann stimmte zu, denn er wollte nicht aussteigen aus dem warmen Zug und hinaus auf den kalten Bahnsteig. Er bekam einen schönen neuen Kopf und er reiste lange um die Welt, aber er sah nichts neues.

„Er träumt einen tiefen Schlaf, einen Mund der nie einen Satz begann, eine Nacht mit weichem Schnee träumt er, er reist und kommt nicht an“

Irgendwann einmal saß er in einem Flugzeug und die Stewardess bat ihn darum, ihr seinen Körper zu geben. Und wieder war es aber der Teufel, der in dieser anderen Gestalt zu ihm gekommen war. „Was hab ich davon, wenn ich dir meinen Körper gebe?“, fragte der Mann. „Du bekommst einen neuen starken Körper und ich werde dir Sinneslust verschaffen.“ sagte die Stewardess. Sie selbst hatte einen wunderschönen makellosen Körper und der Mann stimmte zu. Da wurde sein Körper stark und anziehend. Als er aber die Frau berührte, empfand er nichts dabei. Und er war traurig. Er wollte nicht mehr reisen und er wollte niemanden mehr berühren. Er blieb in einem fremden Land und baute sich ein Haus. Er war ohne Gruß von zu Hause weggegangen, er vermisste niemanden und wusste auch, dass sein Weggehen niemandem aufgefallen war, dass keiner ihn vermisste. Er wusste nicht, wie viel Zeit vergangen war und es war ihm egal. Da kam ein Händler zu ihm und fragte, ob er ihm sein Alter verkaufen wolle. Der Mann stimmte zu, denn als Gegenleistung sollte er kein bisschen mehr altern. Allerdings war ihm das mittlerweile völlig egal. Trotzdem stimmte er zu, denn seine Kraft zu diskutieren und zu überlegen hatte ihn fast ganz verlassen. Aber wieder war es der Teufel gewesen, der ihn aufgesucht hatte. Viel Zeit verging. Oder wenig? Der Mann konnte es nicht sagen, er lebte, ohne zu wissen, dass er lebte und an ihm veränderte sich nun nichts mehr.

„Er kneift die Augen zu und flüstert, was kannst du dafür, wenn`s schneit schnei` ich für dich und lieg vor deiner Tür“

Eines Tages kam eine Fremde an sein Haus. Sie war eine Frau, die für Geld Männern die Einsamkeit erleichterte und den Männern gab, was diese wollten. Sie hatte nie etwas besessen und besaß auch jetzt nichts außer einem kleinen Hund, den sie sehr liebte. Der Mann verstand nicht, was die Frau sagte, denn sie beide sprachen nicht die gleiche Sprache. Und trotzdem verstand er sie und sie ihn. Sie besuchte ihn oft. Und als er merkte, dass sie sehr traurig war, wenn sie ihrer Arbeit nachging und niemanden hatte, der auf ihren Hund aufpasst, da nahm er den Hund zu sich, wann immer sie weg musste. Die beiden verstanden sich immer besser und konnten sich allmählich unterhalten, weil sie nun die Sprache lernten, die in dem fremden Land gesprochen wurde. Die Frau war nicht mehr jung, nichts an ihr war ebenmäßig, auch ihr Rücken war nicht gerade. Und trotzdem gefiel sie dem Mann. Einmal , als die Frau weg war, merkte der Mann, dass er sie vermisste und er sagte ihr das. Sie freute sich, denn auch sie hatte bei ihm etwas gefunden, dass sie bislang noch nicht gekannt hatte. „Ich bin traurig, dass du nicht mein richtiges Gesicht kennst“, sagte der Mann zu der Frau, „Ich war früher ein ganz anderer, ich habe mein früheres Gesicht selbst vergessen.“ Aber ich kenne es“, meinte sie, „ich kenne dich jetzt und weiss darum, wer du früher gewesen bist.“ Sie lebten eine Weile zusammen, nur war die Frau sehr traurig, weil der Mann traurig war. Und eine Tages ging sie ohne ein Wort des Abschiedes und des Trostes weg, nur den Hund ließ sie bei ihm zurück. Der Mann war wie erstarrt. Nun merkte er wieder, wie die Zeit dahinfloss, denn jeden Tag ohne die Frau zählte er, aber er konnte sich trotzdem nicht rühren. Jetzt versorgte der Hund den Mann, brachte ihm jeden Tag etwas zu essen, öffnete die Türen und Fenster, dass frische Luft in das Haus kam. Und allmählich merkte der Mann, dass sein früheres Herz ihm geblieben war in dem neuen, anderen Körper, denn er empfand großen Schmerz. Nicht auszuhaltenden Schmerz! Und doch war er froh, dass er wieder empfinden konnte.

„Ich bin ein stiller Mann, träum nicht von Wiederkehr, doch sollte ich je auferstehn, dran trag ich ein Gewehr.“

Und er machte sich auf, sein Leben zu suchen und der Hund ging mit ihm und verließ ihn nicht. Und der Mann dachte sogar darüber nach, wie es ist, wenn man kämpft. Gemeinsam zogen sie los und hatten jetzt ein Ziel. Es war eine beschwerliche Reise, aber nichts hielt sie auf. Sie gingen über steinige Wege und durch dichtes Gestrüpp, wateten durch kaltes Wasser und froren sehr in der Nacht. Aber je größer der Kummer wurde über den Verlust, um so mehr der Schmerz zunahm über die Einsamkeit, je mehr er die Nähe und Vertrautheit vermisste, um so mehr merkte er, dass er liebte. Und um so älter wurde er. Stück für Stück erkannte er sich wieder. Und als er eines Tages vor einem Schaufenster in einer dunklen Stadt stand, erblickte er im Spiegelbild sein Gesicht, das er von Kindheit an kannte. Der Anblick machte ihn froh und traurig zugleich, denn es war ein sehr altes, sehr vertrautes Gesicht. Jedes gelebte Jahr erkannte er darin wieder. Aber zugleich hatte er neue Hoffnung bekommen und er ging weiter, die Frau zu suchen.

„Der Herbst ist schön, so schön, sogar bei Wind und Regen. Wer macht für ihn eine große Hand, mit der er alles alles streicheln kann?“

Die Reise war jetzt noch mühsamer, denn sein alter Körper schaffte viel weniger. Einmal ging er durch ein Gebirge und am Ende des Weges kam er an eine steinerne Treppe, die steil den Berg hinaufführte. Vor ihm stand eine alte Großmutter, die schweres Gepäck mit sich trug und zu schwach war, die Treppe zu erklimmen. Er nahm ihr die Bürde ab, sie stieg nun, da sie erleichtert war, vor ihm die Treppe empor. Und jede Stufe, die sie beide geschafft hatten, zerfiel in Staub und der Mann erkannte mit Entsetzen, dass es keine Umkehr gab. Es ging nur sehr langsam und mühsam, bald konnten sie beide nicht mehr. Da warf der Mann ein Stück vom Gepäck fort und es ging wieder ein bisschen besser. Doch bald waren sie wieder am Ende ihrer Kräfte. und wieder warf er ein Stück Gepäck fort. Eine Weile ging es aufwärts, dann waren sie wieder zu erschöpft, um weiterzugehen. Schließlich mussten sie auch den letzten Rest ihrer Habe fortwerfen, damit sie den Weg schaffen konnten. Als sie oben angekommen waren, sagte die Frau, sie wolle ihm etwas zeigen und er solle ihr folgen. Und er ging hinter ihr her und es kam ihm vor, als gingen sie nun viel frischer und schneller, jetzt, da sie nichts mehr zu tragen hatten. Ihr Gang war jugendlich geworden und auch ihre Stimme war nicht mehr die einer alten Frau. Sie führte ihn an eine Pforte und sie bat ihn flüsternd einzutreten.

„Sie flüstert, was kannst du dafür, wenn`s schneit schnei ich für dich und lieg vor deiner tür“

Sie gingen gemeinsam hinein und erblickten einen wunderschönen Garten. Er lag im warmen Abendlicht. Ich habe den Garten für Dich gemacht, sagte die Frau und drehte sich um. Erst jetzt, hier in diesem Garten, erkannte der Mann endlich die Frau wieder. Er hatte sie gesucht, nie den Mut und die Sehnsucht verloren. Und als er ihre Hand nahm, empfand er großes Glück. Er baute ein Haus in dem Garten. In dem Garten, der groß und reich war, von dem sie leben konnten. Und obwohl sie jede Pflanze, jeden Baum und jede Blume in dem Garten kannten, erschien ihnen immer wieder alles neu und wunderschön und jeder Tag war für sie beide ein Geschenk. Sie mussten den Garten nie wieder verlassen und lebten lange und glücklich miteinander dort. Nur der Hund blieb für immer verschwunden.

Gefällt sie dir, möchte ich von dir wissen. Leider gibt es in dieser Geschichte nichts zu essen, dabei habe ich gerade jetzt Hunger. Vielleicht sollte auch Wein darin vorkommen? Als wir zusammen unter dem großen Federbett liegen, frage ich dich, ob du einen besseren Schluss hast. Und du holst den Wein ins Bett, jetzt trinken wir beide aus der gleichen Flasche. Und du hast mir Schokolade mitgebracht. Und Blumen stehen auf dem Fensterstock. „Ja“, sagst du. „Es sollte unbedingt Wein darin vorkommen. Wein und Liebe und Jugend und Alter, Blumen, Schönheit und Zuversicht und Essen. Morgen gehen wir zusammen essen, an der Donau. Ich werde dir alles zeigen.“ Ich bin glücklich, jetzt in diesem Augenblick. Und ich möchte, dass du mir etwas versprichst. „Alles, was du willst“, antwortest du mit deinem Schmunzeln. „Im Frühjahr will ich an die Moldau.“ „Das müsste gehen“, sagst du und küsst mich auf den Mund.

Zwischenzeilen:
LiedText: S. Kuyper (1995)
DT: Thomas Woitkewitsch
M: Herman van Veen
Erik van der Wurff

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