Liebesgeschichte, Simon Jachterdahl, 1988

ES ist ein feuchter und unfreundlicher aber nicht allzu kalter Oktoberabend, als er nach seiner Arbeit fröstelnd in die Bahn steigt. Wie immer, wenn er erschöpft die ersten Minuten des Feierabends genießt, wünscht er sich, keine Bekannten zu treffen. Schnell setzt er sich auf den letzten freien Platz neben dem Paar, das sich am Fenster gegenüber sitzt. Die beiden sind schon recht alt, aber gut konnte er so was noch nie beurteilen. Ihr Gesicht wirkt regelrecht ausgeruht und entspannt im Gegensatz zu dem des Mannes ihr gegenüber, in seinem spiegeln sich eher Müdigkeit und so etwas wie vielleicht Sorge. Ihre Hände liegen unbeweglich im Schoß, kräftige Hände, die Hände einer Frau, die schwer gearbeitet hat, wie viele Frauen ihrer Generation, nach dem Krieg, oft ohne männliche Unterstützung aber mit der Kraft, die hauptsächlich aus der Sehnsucht nach einer neuen Zeit kam und die oft Unglaubliches zustande gebracht hat. Trotzdem wirken ihre Hände weich und kraftlos, gepflegte Nägel, aber ohne Schmuck abgesehen von dem schlichten schmalen Ehering, der gleiche schmale Reif, den auch der Mann ihr gegenüber trägt. Obwohl ihm niemals in der Bahn nach Lesen zumute ist, holt er seine Zeitung heraus, ein Gespräch möchte er um jeden Preis vermeiden. Er denkt an seine Frau, die zu Hause sofort mit einer brummenden Stimme anfangen wird zu reden,  sobald er nur den Fuß über die Schwelle gesetzt haben wird. Von für ihn unwichtigen Kleinigkeiten, belanglosen Begebenheiten, den aufgebauschten Kümmernissen der Kinder, weitschweifig, übergangslos, nahtlos von einem Gedanken zum nächsten springend wird sie erzählen. oftmals kann er das schon nicht ertragen, noch ehe er die Schuhe unter ihrem wachsamen Blick ausgezogen hat. Seine Furcht vor gemeinsamer Konversation hier in der Bahn aber war grundlos, denn sobald sie sich in Bewegung gesetzt haben, beginnt der alte Mann zu reden und kommentiert ohne Unterlass, was er gerade sieht. Seine Frau scheint das weder zu stören noch zu interessieren, denn wie er aus dem Augenwinkel bemerkt, guckt sie gar nicht aus dem Fenster, lächelt nur vor sich hin oder nickt ab und zu verstehend. Sie scheinen die Strecke jeden Tag zu fahren, denn der Mann erwähnt auch Unterschiede zum Vortag, dass die Absperrung der Baustelle jetzt abgebaut wird, der Arbeiter heute aussieht wie sein ehemaliger Kollege, dass ein Hund sein Bein ausgerechnet an dem Baum hebt, der am Friedhofseingang rechts steht und der  Baum dieses Jahr besonders schön gefärbt ist. Die Frage, ob sie sich denn noch erinnern kann, wie schön er immer geblüht hat, als sie früher vom Kino heimgelaufen sind und sie Jahr für Jahr behauptet hat, seine Blüten wären weißer als die der anderen Bäumen, bejaht sie mit einem wissenden Lächeln. Dass das schöne Café am Park heute wieder sehr voll ist und sämtliche Tische besetzt sind, aber die blonde Kellnerin wohl frei hat, denn die schwarze mit der Brille bedient die Gäste, selbst dass es beginnt zu nieseln und manche Leute schon den Schirm aufspannen, erwähnt er. Sie lässt ihn reden, nur manchmal fragt sie etwas oder schüttelt erstaunt den Kopf. Und er lächelt, wenn sie lächelt. Der Mann hat eine angenehme ruhige Stimme, dennoch erinnert ihn die recht einseitige Unterhaltung an die Zeit als sein Sohn noch in den Kindergarten ging und pausenlos geredet hat, als müsse er unbedingt immer seine eigene Stimme hören, ununterbrochen, ohne Rücksicht auf die Erschöpfung, die ihn immer überkam, wenn er nach der Arbeit die Kinder betreuen musste. Wie können Menschen nur immerzu das Bedürfnis haben, sich mitzuteilen. Die Frau in der Bahn scheint es aber zu genießen, manchmal schüttelt sie den Kopf, als könnte sie gar nicht glauben, was ihr Mann erzählt, dabei beschreibt er nur das, was man vom Fenster aus sehen kann. Und sie verfolgt es mit großem Interesse.

Er liest immer noch nicht, sondern benutzt die Zeitung weiterhin lediglich als Schutz, aber nun, erstaunlicherweise, um ungestört zuzuhören. Als sie sich seiner Haltestelle nähern und er sich zum Aussteigen bereit macht, nickt er den beiden freundlich zu und vielleicht hat der Alte sein kurzes Stutzen bemerkt, denn er macht eine entschuldigende Geste, als seine Frau das freundliche Nicken nicht erwidert. Und ihm wird erst jetzt klar, dass sie blind ist.

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3 Antworten zu Liebesgeschichte, Simon Jachterdahl, 1988

  1. jpfotenhauer schreibt:

    eine schöne Geschichte von einer unspektakulären, aber deshalb so anrührenden Liebe.
    Gruß, Pfote

  2. Anonymous schreibt:

    Ich würde gern mehr von der Prosa von Herrn Jachterdahl lesen. Gibt es eine Veröffentlichung? Vielen Dank schon im Voraus!

  3. wederwill schreibt:

    Wir danken Grete und Ingrid Jachterdahl für die freundliche Zusammenarbeit, Kerstin Grau für die Übersetzung von „Elsker Historie“ ins Deutsche und Simon Jachterdahl für die Erlaubnis zur Veröffentlichung hier an dieser Stelle.

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